Im Dunkeln

Aus Liber Historium
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Zeit: 19. Rondra - 02. Hesinde 1031

Ort: ??, Baliho

Beteiligte: Lana Adersin-Nagraskjaleff

Erwähnungen:

Auszug aus Lana Adersin-Nagraskjaleffs Tagebuch:

Ich werde hier auf dich warten.

Flo und Kylaria redeten auf mich ein, doch ich hörte sie nicht. Sie stellten sich mir in den Weg, doch ich sah sie nicht. Ihre traurigen Gesichter bedeuteten etwas, doch ich erinnerte mich nicht. Sie versuchten, mich zum Gehen zu bewegen, doch ich ging nicht. Ich blieb sitzen. Ich starre in den Himmel. Starre in den Abgrund. Die Nacht ist dünkler, seit du nicht mehr bei mir bist.

Ich weiß nicht mehr, wie ich hierher kam und warum ich nun in einem Zimmer sitze, das ich vorher noch nie gesehen hatte. Doch es ist nicht schlimm, denn du wirst gleich hereinkommen und mich mit deinem strahlenden Lächeln begrüßen. Du wirst dich entschuldigen, dass es so lange gedauert hat und ich werde dir verzeihen.

Die einzigen, die in mein Zimmer kamen, sind Flo und Kylaria. Sie wollten mit mir sprechen. Ich aber nicht mit ihnen. Ich lächelte, um zu zeigen, dass alles in Ordnung ist, doch sie wechselten nur kurz einen besorgten Blick und schüttelten anschließend den Kopf, ehe sie wieder gingen.

Wieso lässt du dir so viel Zeit? Und wie viele Tage sind vergangen, seit du mich verlassen hat? Ich erinnere mich an dein Gesicht, das so zuversichtlich wie eh und je war und mir versprach, dass alles gut werden würde. Dann warst du weg. Aber ich vertraue dir, dur wirst zurückkommen.

Du bist immer noch nicht hier. Aber du wirst kommen. Ich weiß es.

Es ist so viel Zeit vergangen. Jeden Abend starre ich in die Sterne und sehe dein verschmitztes Lächeln vor meinen Augen. Die Hoffnung schwindet. Doch was bleibt mir noch, wenn ich auch diese verliere?

Ich kann es nicht fassen, doch es ist wahr. Mein Verstand weiß es, aber mein zerbrochenes Herz ist nicht dazu fähig, es zu erfassen. Er wird nicht zurückkommen. Er hat mich alleine gelassen.

Der Schmerz brach über mich herein wie die tosenden Wellen des Meeres, die sich dem Sturm Efferds beugen. Ich spüre, wie der Schmerz sich neben der Leere einen Platz erkämpft. Unaufhaltsam. Er sitzt so tief und unklammert den Scherbenhaufen meines Herzens wie ein Schraubstock. Ich kann nicht atmen. Ich kann nur noch fühlen. Die Leere und den Schmerz.Ich ertrage den Anblick von Flo und Kylaria nicht mehr. Sie rufen in mir die Erinnerungen an ihn wach, doch ich darf sie nicht zulassen. Jetzt bin ich ganz alleine. Ich vermisse dich.

Ich werde diese Sekunden nie vergessen. Den letzten Blick, den er mir zuwarf. Das Wissen, dass ich ihn verlieren würde. Und das Gefühl, als mein Herz unwiderruflich in 1000 Teile zerbrach. Niemals. Wir waren füreinander bestimmt. Wo war Rondra, als der Hieb des Orks dich traf? Wo war Hesinde, als du drohtest hinabzustürzen? Sie hat dich geliebt - ich weiß es. Wo war Praios, als dir dieses Unrecht widerfuhr? Hätten sie nicht da sein müssen? Wenigstens einer von ihnen? Wieso erhörte mich niemand, als ich um dein Leben flehte? Als ich alle Götter Dere’s darum bat, dich zu verschonen? Ich hätte mein Leben für deines gegeben, doch selbst Phex fand, dass es ein unausgeglichener Tausch gewesen wäre. Du warst mehr wert als ich. So viel mehr.

Ich war schwach. Ich hätte dich festhalten müssen. Ich möchte dich anbrüllen. Dich, die Götter Alveran’s und mich. Wieso habt ihr mir das angetan?

Alles was ich jemals wollte, warst du. Ich wollte dich nur in meiner Nähe wissen. Es war der Wunsch nach mehr, der dich mir genommen hat.

Jeder Schritt, den ich gehe, erinnert mich an dich. Jede Bewegung, die ich mache, erinnert mich an dich. Jeder Blick in die Ferne erinnert mich an dich. Ja sogar die Luft, die ich atme, erinnert mich an dich. Es schmerzt so sehr. Als du mir vor einer gefühlten Ewigkeit einmal sagtest, ich könne es auch ohne dich schaffen, hast du gelogen.

Ich träume jede Nacht davon. Träume, wie du fällst. Wie du mich ansiehst. Sehe den anklagenden Blick, als du merkst, dass deine Finger an meiner Hand abzugleiten drohen. Manchmal, da schaffe ich es sogar, dich tatsächlich zu halten. Ich ziehe dich hoch und möchte dich in meine Arme schließen, doch da trifft dich ein Bolzen mitten ins Herz und du sackst zusammen, ehe ich realisiere, was passiert war. Erst als ich mich lautlos auf die Knie fallen lasse, spüre ich das Gewicht der Armbrust in meinen Händen.

Ich fürchte mich davor, die Augen zu schließen. Ich fürchte mich vor der Dunkelheit, die mich umgibt. Nicht nur nachts. Auch tagsüber ist es dunkel. Die Dunkelheit kommt von meinem Herzen.

Jetzt weiß ich, welcher Teil meiner Seele bei dir heimisch war. Die Freude. Die Lebenslust. Die Liebe. Die Hoffnung. Was geblieben ist, ist Leere und Schmerz.

Ich werde nie mehr deine Lippen schmecken, nie mehr deine Stimme hören, nie mehr dein Lachen sehen, nie mehr deine Liebe spüren.

Ich muss damit aufhören. Ich muss weitermachen, du hättest es so gewollt. Doch es ist schwer. Mir fällt das Trinken schwer, das Essen, das Schlafen, das Atmen, das Leben. Alles ist so unendlich schwer ohne dich. Ich möchte nicht mehr, bitte verzeih mir, doch ich ertrage die Leere in meinem Herzen nicht länger. Verzeih mir. Bitte verzeih mir. Die Tage fühlen sich an wie Jahre. Jahre des puren Schmerzes. Wie viel Zeit ist vergangen? Welcher Tag ist heute? Wo bin ich überhaupt? So viele Fragen, doch die Antworten interessieren mich nicht. Es ist egal. Alles ist egal. Ich bin egal. Ich wurde als Niemand geboren und werde als Niemand sterben. Wann ist es endlich soweit? Holt mich zu euch. Bringt mich zu ihm und beendet mein Leiden.

Ich sehe dich überall. Doch das bist nicht du. Es ist der Schatten, der mich verfolgt, seit du mich verlassen hast. Der Schatten, der mich in meinen Träumen heimsucht. Der Schatten, den ich sehe, wenn ich versuche mich an dein Gesicht zu erinnern. Der Schatten, der mich eines Tages töten wird.

02. Hesinde 1031

Baliho

Tage sind vergangen. Und Wochen. So viel Zeit, die mir klar gemacht hat, dass es so nicht weitergehen kann. Es tut mir leid, wie ich mich habe gehen lassen. Es tut mir leid, dass ich dich nicht habe retten können. Es tut mir leid, dass ich dich verloren habe. Doch so sehr der Schmerz und die Trauer an mir nagen, ich habe noch eine Aufgabe: zu Leben. Deshalb möchte ich auf Wiedersehen sagen. Ich möchte abschließen mit meiner Vergangenheit und einen neuen Weg einschlagen. Ich lasse den Schatten hinter mir, denn ich habe verstanden, dass ich selbst der Schatten bin. Sei nicht enttäuscht, aber ich schaffe es nicht, den Weg zu Ende zu gehen, den wir gemeinsam bestreiten wollten. Es schmerzt zu sehr. Doch egal was weiter kommen mag, ich werde dich immer lieben und dich nie vergessen. Ich bin mir sicher, dass wir uns eines Tages wieder sehen werden. Leb wohl, Aedin.